Evangelienkommentar 29. Sonntag im Jahreskreis (22, 15–21)

(rb–18.10.2020) Der Kommentar zum heutigen Evangelium kommt von Elisabeth Müller, Pastoralassistentin in Bürmoos und St. Georgen bei Salzburg.

Widerstand gegen staatliche Allmachtsansprüche

Die Corona-Beschränkungen verstärken die Tendenz in unserer Gesellschaft, religiöse Vollzüge und Feiern ins Private zu verlegen. Es scheint, dass Gott in unserer Kultur zunehmend kein Thema mehr ist. Religion wird zur reinen Privatangelegenheit - ohne politische, soziale oder gesellschaftliche Bedeutung. Glaube ist - wie uns der Lockdown im Frühjahr gezeigt hat - vordergründig nicht „systemrelevant“. In diesem Kontext klingt die Antwort Jesu auf die Frage nach der kaiserlichen Steuer geradezu banal. Ihre eigentliche Brisanz wird für uns sichtbar, wenn wir uns den zeitgeschichtlichen Hintergrund verdeutlichen.

„Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht?“ Seine Gegner stellen Jesus eine Fangfrage. Judäa war seit dem Jahre 6 nach Christus römische Provinz. Das hieß, dass alle Männer, Frauen und Sklaven ab dem 12. bzw. 14. Lebensjahr den Römern Steuern zahlen mussten. Für strenggläubige Juden war das ein Skandal. Weil sie aufgrund ihres Eingottglaubens einzig Gott als ihren Herrn anerkannten, lehnten sie den Kaiser und die römische Steuer ab. Jesus steht vor einem Dilemma: Ein Ja zur kaiserlichen Steuer würde ihm die Ablehnung strenger Juden garantieren, ein Nein hingegen einen handfesten Konflikt mit der Besatzungsmacht vom Zaun brechen.

Was tut Jesus in dieser ausweglosen Situation? Er lässt sich von seinen Gesprächspartnern eine „Steuermünze“, einen Denar, zeigen. Auf der Vorderseite war der römische Kaiser Tiberius abgebildet. Sein Bildnis war mit einer Aufschrift versehen, die ihn als anbetungswürdigen Sohn des göttlichen Augustus auszeichnet. Sie charakterisiert sein Selbstverständnis, sich von seinen Untertanen als Gott verehren zu lassen. 

"So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.“

In dieser schlichten Antwort Jesu auf die Fangfrage seiner Gegner schwingt eine gewaltige Spitze gegen den römischen Staatskult mit. Jesus weist damit die Ansprüche des Kaisers in die Schranken. Für uns gilt es zu unterscheiden, wie weit eine Staatsmacht das Leben ihrer Bürger beeinflussen darf und wo ihr kritisch widerstanden werden muss. Die Widerstandsbewegungen im Dritten Reich lehren uns, dass Mut und Gegenwehr Frucht eines tiefen Glaubens sind. Wo bleibt heute der Widerstand der Christen gegen sinnlose und übergriffige staatliche Anordnungen?

Dieser Text ist im Rupertusblatt (Nr. 41/2020) erschienen. >>> Hier können Sie unsere Wochenzeitung abonnieren.

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