Tabuthema Fehlgeburt: Was kann ich tun?

Still geboren: So werden Kinder genannt, die während der Schwangerschaft versterben. Zurück bleiben trauernde Familien und ein ratloses Umfeld – ein klassisches Tabuthema, das viele betrifft. In den vergangenen Jahren hat sich einiges getan. Der Umgang damit hat sich verändert und den Hinterbliebenen stehen Angebote zur Verfügung.

Der Umgang mit dem Thema Fehl- und Totgeburt  hat sich in den letzten Jahren stark verändert.

Im Krankenhaus: Elternpaare werden inzwischen gemeinsam in einer Klinik aufgenommen, die Thematik wird nicht mehr tabuisiert. Im Krankenhaus ist das Zusammenspiel von Ärzten, Hebammen, Psychologen, Pflege und Seelsorgeteam vorbildhaft sensibilisiert.

In der Gesellschaft: Das Thema findet Platz in Gruppen, Kirche, Politik, in den Medien, im Internet und den Sozialen Medien. Wer darüber spricht und schreibt, stößt auf offene Ohren und Menschen mit ähnlichen Erfahrungen.

Caroline Kremshuber ist Krankenhausseelsorgerin im Landeskrankenhaus Salzburg. Sie betreut betroffene Eltern und organisiert dreimal jährlich ökumenische Trauerfeiern für die Familien still geborener Kinder am Salzburger Kommunalfriedhof.

Was braucht es und was ist wichtig? Die wichtigsten Punkte der Expertin zusammengefasst:

Zeit

Für beide Elternteile ist das eine Schocksituation. Es dauert, das zu realisieren und anzunehmen.

Rituale

Rituale sind besonders wichtig: Manchmal gibt es Namensgebungsfeiern – am Krankenbett oder je nach Zustand der Mutter und Anzahl der Beteiligten in der Krankenhauskapelle. Ob im Krankenhaus, am Friedhof oder im eigenen Zuhause: Gemeinsam mit den Familien, auch Geschwisterkindern wird das kleine Leben gewürdigt und das gefeiert, was in dieser kurzen Zeit da ist.

Gefühle

Man empfindet vielfältige Gefühle zugleich, die man gar nicht formulieren kann: die große Traurigkeit aber vielleicht auch Stolz, die Geburt geschafft zu haben oder die Freude, dem Kind doch zu begegnen. Das Gute an Ritualen ist, dass hier alle Gefühle nebeneinander Platz haben.

Glaube

Ein Schicksalsschlag kann das Glaubensleben und das Gottesbild auf den Kopf stellen, was zu einer Glaubenskrise führen kann. Die Frage, warum das passiert, wird auch an Gott gerichtet. Zugleich gibt es den starken Wunsch dieses Kind, für das man selber nicht mehr sorgen kann, Gott anzuvertrauen. Der Glaube kann hier eine tragende Stütze sein.

Dinge zum Festhalten

Ob Kuscheltier, Schmusetuch oder Body. Zum Beispiel produziert die Initiative „Sternenbärchen“ kleine Seelentröster. Das sind genähte Stoffbären, erkennbar an einem kleinen Stern, der sie anstatt eines Herzens an der Brust ziert. Eines bleibt oft beim Kind und das andere behalten sich die Eltern. Auch Schlüsselanhänger gibt es.

Erinnerung

Die Erinnerung an das eigene Kind wach halten. In einer Erinnerungsbox kann beispielsweise alles gesammelt werden – von Ultraschall und Mutter-Kind-Pass bis hin zu Fotos, Fußabdruck und Kuscheltier. Und doch ist es gut, wenn das alles einen Platz hat und man bewusst entscheidet, wann man es ansehen möchte.

Benennen

Medizinisch unterscheidet man zwischen Fehl- und Totgeburt: Unter einer Fehlgeburt (Abort) versteht man ein totgeborenes Kind mit einem Geburtsgewicht unter 500 Gramm vor der 24. Schwangerschaftswoche. Nach der 24. Schwangerschaftswoche wird von einer Totgeburt gesprochen. Wesentlich neutraler ist es, von still geborenen Kindern zu sprechen. Verbunden mit der Thematik ist zudem die Sternensymbolik, weil man Kinder, die während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt sterben, auch als „Sternenkinder“ bezeichnet.

Buchtipp: „Gute Hoffnung, jähes Ende“

Seit mehr als 25 Jahren begleitet der „Klassiker“ Eltern auf dem Weg durch die Trauer. Hannah Lothrop, Psychologin, Therapeutin und Stillberaterin gilt als Pionierin der ganzheitlichen Geburtsvorbereitung. In ihrem bereits in dritter Auflage erschienen Buch erläutert sie einfühlsam wie umfangreich und detailgetreu die Thematik in ihrer erschütternden Breite: von Definitionen, rechtlicher Situation bis hin zu medizinischen Abläufen und Trauerprozess.

Sie denkt auch hier ganzheitlich: Es braucht das Zusammenwirken von allen – Ärzten, Hebammen, Pflege, Psychologen, Seelsorgern. Passend: Der zweite Teil widmet sich der Begleitung von Trauernden. Im Anhang sind Rituale, Gesetzliches, Liturgisches zu finden.

Lothrop zeigt, Fehl- oder Totgeburt ist ein Schicksalsschlag, der nicht nur Frauen trifft, sondern mit ihnen auch Partner, Geschwisterkinder, Großeltern und Freunde. Lebensecht webt sie Erfahrungsberichte von Familien zwischen die einzelnen Textpassagen. Dies und ihr praxisnaher Behelf lassen das schwermütige Gefühl der Isolation, das zu Beginn der Lektüre steht, mit jeder weiteren Seite zumindest verblassen. Ein wahrer „Ersthelfer“ also. Denn was bleibt ist Trost und die Zuversicht, nicht allein mit den eigenen fremden Gefühlen und der unsagbar großen Trauer zu sein.

Dos & Donts: Tipps im Umgang mit trauernden Eltern

nach Hannah Lothrop

Passende Worte

  • „Es tut mir leid.“
  • „Das muss schwer für euch sein.“
  • „Ich bin da und höre zu“
  • „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
  • „Wie kann ich etwas für dich tun?“
  • „Wie geht es dir mit alldem?“
  • „Ich habe an euch gedacht.“
  • „Lass dir Zeit.“

Die üblichen Phrasen

  • „Besser jetzt als später.“
  • „Es war wohl das Beste.“
  • „Gott sei Dank hast du das Kind noch nicht gekannt.“
  • „Wein doch nicht.“
  • Zum Vater: „Du musst jetzt für deine Frau stark sein.“

Unpassendes Verhalten:

  • Ignorieren. So tun, als wäre nichts geschehen.
  • Beschwichtigen, um Schmerz zu lindern, Tatsachen herunterspielen
  • Wegräumen der Babysachen
  • Meiden des Themas in Gesprächen
  • Gefühle der Trauernde be- und verurteilen

Hannah Lothrop, Gute Hoffnung, jähes Ende. Fehlgeburt, Totgeburt und Verluste in der frühen Lebenszeit. Begleitung und neue Hoffnung für Eltern. Kösel, ISBN 978-3-466-34632-5

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